Insights · Grundlagen

Was ist agentische Prozess­automatisierung?

Der Begriff wird oft unscharf verwendet. Hier finden Sie eine Definition, die Abgrenzung zu RPA und klassischen Workflows und ein Beispiel aus Order-to-Cash.

Agentische Prozessautomatisierung ist die Ausführung von Geschäftsprozessen durch KI-Agenten, die Daten aus mehreren Systemen lesen, Fälle nach festgelegten Regeln bewerten und Transaktionen selbst anlegen. Standardfälle laufen ohne manuellen Eingriff durch, Ausnahmen gehen mit Begründung an die zuständige Person. Jeder Schritt ist an Berechtigungen und Freigaberegeln gebunden und wird protokolliert.

Neu daran ist die Entscheidung im Prozess. Ein klassischer Workflow kennt nur die Wege, die jemand vorher modelliert hat. Ein Agent kann auch Fälle einordnen, die so nicht vorgesehen waren: eine Bestellung mit abweichender Lieferadresse, einen Rabatt knapp über der üblichen Grenze, einen Geschäftspartner, den es in SAP zweimal gibt. Ob er daraufhin selbst handeln darf, legt ein Regelwerk fest, das Sie bestimmen.

Von KI-Assistenten unterscheidet sich der Ansatz ebenfalls. Ein Chat, der eine Opportunity zusammenfasst, hilft der Person am Bildschirm. Bei agentischer Prozessautomatisierung ist der Vorgang am Ende abgeschlossen: Der Auftrag steht in SAP, die Opportunity in Salesforce ist aktualisiert, und der Kunde hat seine Bestätigung.

Abgrenzung zu Workflow-Automatisierung, RPA und KI-Assistenten

Die Ansätze schließen sich nicht aus. In vielen Unternehmen laufen sie nebeneinander, oft im selben Prozess.

KriteriumWorkflow-Automatisierung / BPMRPAKI-Assistent / ChatAgentische Prozessautomatisierung
Entscheidet selbst?Nein. Folgt einem modellierten Ablauf mit festen Verzweigungen.Nein. Wiederholt aufgezeichnete Bedienschritte.Schlägt vor. Entscheiden muss der Mensch.Ja, innerhalb Ihrer Regeln. Je Aktion: ausführen, Freigabe einholen oder blockieren.
Schreibt in Systeme?Ja, über Schnittstellen, die im Workflow fest verdrahtet sind.Ja, über die Benutzeroberfläche.Meist nicht, oder nur einzelne Aktionen im eigenen System.Ja, über die APIs mehrerer Systeme, mit eigener Identität und Schutz gegen doppelte Ausführung.
Umgang mit AusnahmenNur vorab modellierte Sonderfälle. Der Rest landet in einer Fehlerliste.Bricht ab, wenn sich Maske oder Datenlage ändert.Erklärt den Fall. Lösen muss ihn jemand von Hand.Bewertet den Fall, klärt fehlende Angaben oder übergibt ihn mit Kontext an die zuständige Person.
GovernanceProzessmodell und Rollen im Workflow-System.Bot-Konten, häufig mit weitreichenden Rechten.Hängt an den Rechten der nutzenden Person. Folgeaktionen passieren außerhalb.Policies, Freigaberegeln und Audit Trail, geprüft außerhalb des Sprachmodells.

Vereinfachte Gegenüberstellung. Die Grenzen zwischen den Kategorien sind in der Praxis fließend.

Wie funktioniert agentische Prozess­automatisierung?

Ein Vorgang durchläuft im Kern fünf Schritte. Welche davon der Agent übernimmt und wo ein Mensch entscheidet, legen Sie fest.

  1. Lesen

    Der Agent holt sich, was er für den Fall braucht: die gewonnene Opportunity aus Salesforce, Kundenstamm und Konditionen aus SAP, eine Rückfrage aus dem Postfach. Er nutzt dafür freigegebene Schnittstellen und eine eigene technische Identität.

    Daten aus mehreren Systemen

  2. Prüfen

    Er gleicht die Angaben ab und bewertet den Fall. Stimmen Preis und Verfügbarkeit? Ist der Kunde gesperrt? Weicht der Rabatt vom Üblichen ab? Fehlt etwas, fragt er nach.

    Regeln und Risiko

  3. Ausführen

    Liegt der Fall innerhalb der Regeln, legt der Agent die Transaktion selbst an, etwa den Kundenauftrag in SAP, und aktualisiert die übrigen Systeme. Jeder Aufruf trägt einen Vorgangsschlüssel. Eine Wiederholung erzeugt deshalb keinen zweiten Beleg.

    Standardfall

  4. Freigeben lassen

    Fälle außerhalb der Regeln gehen an die zuständige Person, zusammen mit den relevanten Daten und der Regel, die gegriffen hat. Nach der Freigabe führt der Agent aus. Bei Ablehnung bleibt der Vorgang stehen.

    Sonderfall

  5. Dokumentieren

    Eingaben, Entscheidung, Freigabe und Systemantwort landen im Audit Trail. Auch Monate später lässt sich so nachvollziehen, warum ein Auftrag genau so angelegt wurde.

    Audit Trail

Wofür eignet sie sich – und wofür nicht?

Agentische Prozessautomatisierung lohnt sich dort, wo Mitarbeitende heute vor allem Informationen zwischen Systemen übertragen und dabei viele kleine Entscheidungen treffen. Typisch sind Prozesse mit hohem Volumen, wiederkehrenden Prüfungen und Fällen, die sich ähneln, aber selten exakt gleich sind. Gute Kandidaten sind zum Beispiel:

  • Auftragserfassung zwischen CRM und ERP, etwa von der Salesforce-Opportunity zum SAP-Auftrag.
  • Angebote und Preisfreigaben, bei denen Rabatt, Konditionen und Verfügbarkeit zusammen bewertet werden.
  • Serviceanfragen, für die erst Daten aus mehreren Systemen zusammengetragen werden müssen.
  • Liefer-, Preis- und Bestandsausnahmen, die heute per Mail und Telefon geklärt werden.

Nicht jeder Schritt braucht einen Agent. Was immer gleich abläuft, etwa eine Formatumwandlung, eine feste Weiterleitung oder ein nächtlicher Datenabgleich, bleibt besser ein klassischer Workflow oder eine Integration. Ein festes Programm ist dort schneller, günstiger und vollständig vorhersagbar. Ein Sprachmodell an dieser Stelle macht den Prozess nur teurer.

Seltene Entscheidungen mit großer Tragweite, etwa ein neuer Rahmenvertrag, gehören zu Menschen. Ein Agent kann sie vorbereiten. Abschließen sollte er sie nicht.

Ein gut geschnittener Prozess ist deshalb meist gemischt. Deterministische Schritte laufen als Workflow, Bewertung und Klärung übernimmt der Agent, Freigaben bleiben bei Menschen. Häufiger als an der Technik scheitert es an den Stammdaten. Fehlen Zahlungsbedingungen oder ist derselbe Kunde mehrfach angelegt, kommt auch ein guter Agent nicht weit.

Beispiel: Order-to-Cash über Salesforce und SAP

Order-to-Cash zeigt gut, wie das zusammenspielt. Der Vertrieb gewinnt eine Opportunity in Salesforce. Bis daraus ein Kundenauftrag in SAP wird, liegen in vielen Unternehmen mehrere manuelle Schritte: Jemand prüft den Geschäftspartner, gleicht Preise und Mengen ab, fragt fehlende Angaben nach und erfasst den Auftrag schließlich in SAP.

Mit agentischer Prozessautomatisierung übernimmt ein Order-Agent diese Kette. Er liest die Opportunity, prüft den Geschäftspartner in SAP, validiert die Auftragsdaten und fragt Preise und Verfügbarkeit ab. Danach bewertet er das Risiko. Den Standardauftrag eines Stammkunden legt er direkt an, aktualisiert die Opportunity, und der Kunde bekommt seine Bestätigung. Ein Auftrag mit Sonderrabatt geht vorher an den Sales Manager. Bei einem gesperrten Kunden legt der Agent nichts an und meldet den Fall.

An den Systemen ändert sich dabei nichts. Der Agent nutzt vorhandene OData-Services in SAP sowie Objekte, Flows und Apex Actions in Salesforce. Standardfälle laufen autonom, Sonderfälle kontrolliert.

Governance und Guarded Autonomy

Die wichtigste Frage bei agentischer Prozessautomatisierung ist keine technische. Sie lautet: Wann darf ein Agent ohne Rückfrage handeln? Berechtigungen beantworten das nur zum Teil. Sie regeln, was ein Agent tun darf. Unter welchen Umständen er es allein tun soll, steht dort nicht.

In voluro Nexus heißt die Antwort Guarded Autonomy. Für jede Aktion entscheidet Nexus anhand Ihrer Regeln, ob sie automatisch ausgeführt wird, eine Freigabe braucht oder gestoppt wird. Kriterien können Betrag, Rabatt, Zahlungsbedingungen, Kundenstatus oder das Zielsystem sein. Ein Beispiel: Ein Standardauftrag von 8.000 € eines Stammkunden läuft automatisch, 85.000 € mit Sonderrabatt gehen an den Sales Manager, ein gesperrter Kunde wird gestoppt.

Entscheidend ist, wo diese Prüfung stattfindet. Sie läuft außerhalb des Sprachmodells nach festen Regeln, und kein Prompt kann sie aushebeln. Über Governance entscheidet nicht das Sprachmodell, sondern Nexus. Versionierte Tools und Policies, getrennte Umgebungen für Entwicklung, Test und Produktion sowie ein vollständiger Audit Trail gehören ebenfalls dazu.

Agentische Prozess­automatisierung mit voluro Nexus

voluro Nexus führt Geschäftsprozesse über Systemgrenzen hinweg aus. Nexus macht aus Ihren SAP-, Salesforce- und Microsoft-Schnittstellen kontrollierte Agent-Tools, steuert die Agenten nach Ihren Regeln und protokolliert jeden Schritt. Native Agenten wie Joule, Agentforce oder Copilot binden Sie dort ein, wo sie ihre Stärken haben.

Für häufige Prozesse wie die Auftragsbearbeitung gibt es Process Packs: fachlich vorbereitete Lösungen, die wir im Projekt auf Ihre Systeme abbilden. Das voluro-Team bringt den ersten Prozess in den Betrieb und begleitet den Ausbau. Am Anfang steht ein kostenloser Prozess-Check von 30 Minuten. Dabei empfehlen wir auch klassische Automatisierung, wenn ein Workflow reicht.

Häufige Fragen

Ersetzt agentische Prozessautomatisierung RPA und bestehende Workflows?

Nein. Feste, immer gleiche Schritte sind in Workflows und Integrationen gut aufgehoben. Agents übernehmen die Teile, in denen bisher ein Mensch prüfen, bewerten oder nachfragen musste. RPA-Bots, die Masken bedienen, weil keine Schnittstelle genutzt wurde, lassen sich oft durch API-Zugriffe ablösen. Das ist aber im Einzelfall zu prüfen.

Was ist der Unterschied zu Joule, Agentforce oder Copilot?

Die nativen Agenten von SAP, Salesforce und Microsoft arbeiten vor allem in ihrem eigenen System. Agentische Prozessautomatisierung im hier beschriebenen Sinn zielt auf Prozesse, die mehrere Systeme berühren. Beides lässt sich kombinieren: Nexus bindet native Agenten als Teilnehmer eines Prozesses ein.

Müssen SAP oder Salesforce dafür angepasst werden?

Modifikationen sind nicht nötig. Der Agent arbeitet über vorhandene Schnittstellen wie OData-Services, Flows oder eigene APIs. Einzurichten sind eine technische Identität mit passenden Rollen und gegebenenfalls Services, die noch nicht aktiviert sind.

Wer ist verantwortlich, wenn ein Agent falsch entscheidet?

Die Verantwortung bleibt im Unternehmen. Deshalb legt der Process Owner fest, welche Fälle ein Agent allein abschließen darf. Alles andere geht zur Freigabe, und jede Entscheidung ist im Audit Trail nachvollziehbar.

Weiterlesen

Quellen und weiterführende Dokumentation

Starten Sie mit einem Prozess.

30 Minuten · kostenlos · mit einem Senior Architect. Sie erhalten eine mündliche Ersteinschätzung und konkrete nächste Schritte.